o.T. 2013
Fotomontage
40 x 27cm



Intro 2013
Pigment auf Dispersion
380 x 1100 cm
Ausstellungsansicht: Lentos, Kunstmuseum Linz



Intro: desiderio 2013
Ausstellungsansicht: Lentos, Kunstmuseum Linz



Intro: desiderio (Detailansichten) 2013
Ausstellungsansicht: Lentos, Kunstmuseum Linz



Intro: desiderio (Detailansichten) 2013
Ausstellungsansicht: Lentos, Kunstmuseum Linz



Intro: desiderio (Detailansichten) 2013
Ausstellungsansicht: Lentos, Kunstmuseum Linz



Dynamisierter Tenebrismus

Luisa Kasalickys Intro: desiderio konfrontiert uns, analog zur Teilung des Titels in zwei begriffliche Komponenten, mit einer räumlich zweigeteilten Ausstellung, verbunden allein durch zwei hinter Vorhängen verborgene Öffnungen. Diese setzen einen zugänglichen mit einem unzugänglichen Bereich in Beziehung und bestimmen, ähnlich in Peepshows gebräuchlichen Sehschlitzen, Distanz und Position des Publikums: begehrliche Blicke passieren die physische Barriere stets separiert von ihren BesitzerInnen.
Jenseits der trennenden Wand schälen sich die Fragmente einer lichtchoreografisch inszenierten Installation in repetitiver Abfolge aus den Dunkelphasen, die das Auftauchen einzelner Elemente umsäumen wie auch einleiten.
Alle räumlichen Koordinaten löschend, evoziert das Dunkel die Vorstellung eines in seinen Dimensionen unabschätzbaren Raumes: Wir wissen nicht, wie lange wir zu dessen Grenzen benötigten. Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit paaren sich, bis wir aus angehäuften Zeiten- Bastardierungen unser Jetzt nicht mehr herauszufiltern vermögen. Was fixiert uns aus den unerreichbaren Ecken – der Blick des Basilisken oder das Nichts, das sich weigert, zu nichten?
Aus der unvermeidlichen Innenschau der BetrachterInnen formieren sich während der Schwarzphasen gedankliche Stafetten, bereit zur Übergabe und Angleichung an die Wahrnehmung der darauf folgenden Stationen von Kasalickys Reigen.
Unser gelenktes Auge wirft sich etwa auf eine sphärische Inventur von Größenverhältnissen der Bäume einer Allee, eine an Ketten hängende potenzielle Umfassungs-Strenge auf Metall applizierter Ledergürtel, eine durch Windstille erstarrte Materialität silberner Vorhänge, den reflektierenden Glückstrug goldener Gestänge, die durch zersprungene Keramik manifeste und fein geäderte Zeichnung, das geritzte Leder als Tagebuch vom Messerwerfen, den antike Trümmer paraphrasierenden Stuckbruch, die geometrisierte Geborgenheit eines Pflänzchens samt Vase im Schatten-Quader, die Haltung von Händen als Indikator innerpsychischer Vorgänge – zu Tode formalisiert in poliertem Gips und zu neuem Leben erweckt als vermeintliches Stummfilmstill... Inmitten dieses dynamisierten Nachtstückes generiert Heraldic Modernism, ein Medley verschiedenster Materialien – Messing, Blei, Wachs, Kupfer und Holz – , seine Erzählstränge durch die dominante Eigenwilligkeit der Form, die wie ein angepeiltes Sekundärsyndrom auf der edlen Zusammenführung martialischer Stofflichkeiten fußt.
Der temporären partiellen Helligkeit, die im Bereich zum Übergang zur Dunkelheit eine zweite klare oder gezielt zerfließende Außenform für das jeweils präsentierte Element erzeugt, steht die gleichmäßige und stetige Beleuchtung der statischen und dunklen Arbeiten im ersten Raum gegenüber: Gestanzte Leerstellen blitzen aus ihrer Ummantelung braun-grauer Dachpappe in heraldischen Anordnungen einer geschnalzten architektonischen Zeichnung entgegen. Ein ins Zweidimensionale gebrochenes, linear konstruiertes Kreuzgewölbe bildet dabei die symmetrisch angelegte Verankerung für Darstellungen, die jene sich hinter der Wand befindlichen Objekte als Protagonisten eines tonlosen Theaters abbilden: ein für die filmisch ausgerichtete Installation transformiertes monumentales Frontispiz, das Desideratum in ornamentaler Struktur bildhaft komprimiert symbolisierend. Dem Umblättern der Seiten eines Textes entsprechen hierbei – noch vor der Gewahrwerdung eines unbeirrbaren und sich wiederholenden Ablaufes der meditativ-ekstatischen Inszenierung – , das Öffnen und hinter sich Schließen der Vorhänge der beiden begehbaren Parzellen der bezeichneten Wand.
Das Wandobjekt als Bild, die Wand als bezeichnetes Objekt, die bewegte Vorführung von Objekten und Bildern, deren Repräsentation und Zugänglichkeit im übertragenen sowie tatsächlichen Sinn durch das Bild und der drängende Rückverweis auf dasselbe – eine einzige Zone der Verschränkung etlicher Rezeptionsmodi in Endlosschleifen, deren Bandbreite zerschmolzener Pole zudem mit einer im Außenbereich der Ausstellung, wiederum hinter einem Vorhang verborgenen Vorführung eines Dokumentationsfilms der Lichtinstallation Frontispiz. Juxtaposition (der folgenträchtigen Vorstufe von Intro: Desiderio), expandiert.

Siegfried Zaworka, Wien, 2013



Interview: www.youtube.com/watch?v=EceCRiC6GT0